Die Stimme(n) des Volkes?

Die Stimme(n) des Volkes? Literatur und Film im Spannungsverhältnis von Demokratie und Populismus

Workshop an der UC Berkeley


Das Sprechen für Andere gehört zu den zentralen Bestandteilen der Demokratie. Die Autorität demokratischer Regierungen leitet sich davon ab, dass sie im Namen des Volkes oder einer Mehrheit der WählerInnen sprechen und handeln. Doch als Stellvertreter von Anderen repräsentieren sie nicht nur eine bereits bestehende Identität des Volkes, sie haben durch ihr politisches Handeln zugleich Anteil an der Formierung einer nationalen oder gemeinschaft­lichen Identität.

Auf die markante Verbreitung nationalistischer Bewegungen quer durch Europa und die USA, die für sich reklamieren, das Volk nicht zu repräsentieren, sondern zu verkörpern, versuchen Journalisten, Politik- und Geschichtswissenschaftler mit einer großen Zahl neuerer Unter­suchungen zum Thema Populismus eine Antwort zu finden (vgl. u.a. Werner-Müller; Mouffe; Mudde; Žižek). Was ist Populismus? Gibt es guten und schlechten Populismus? Wie ist dieser zu erkennen und woran festzuhalten? Das Konstruieren eines Anderen, von dem man sich als „Volk“, „Nation“ und „Kultur“ abgrenzt, die Skepsis etablierten Medien gegenüber oder die Rede über einen „einfachen Mann“, der von den politischen Eliten immer wieder vergessen werde, sind dabei häufig als Charakteristika herausgearbeitet worden.

Auch Literatur und Film partizipieren auf ihre Weise an der Konstitution und Kritik gemeinschaftlicher und nationaler Identitäten. Beispiele dafür reichen vom Volkslied und -märchen über Revolutionsdramen, Bildungs- und Abenteuerromane, Naturgedichte und Wanderlieder bis zu populärwissenschaftlichen und semi-fiktionalen Darstellungen aus der Chemie, Physik und Biologie; von kommunistischen und nationalsozialistischen Propagandafilmen, über Dokumentationen, bis zu neueren Serienformaten. Die Reflexion über Gemeinschaft, Einheit und gesellschaftliche Ordnung im Medium der Literatur kennt viele Formen. Auf der einen Seite mögen literarische Erzählungen eine nationale Einheit oder (Volks-)Gemeinschaft konstituieren, auf der anderen Seite werden diese Großerzählungen auch durchkreuzt, modifiziert und wiederbestärkt, etwa indem die „Ungezählten“ (Rancière) zur Sprache kommen und sich als legitime Teil-NehmerInnen in die bestehende Ordnung einschreiben. Das jüngere Medium Film dagegen wurde als populäre und im Vergleich zur Literatur niedere Unterhaltung, als Ablenkung für die Angestellten- und Arbeitermassen der Industriegesellschaft kritisiert. Dabei sind sowohl nationalistische Narrative und populistische Ästhetiken als auch das ideologiekritische Potenzial des Kinos bis in die frühen Beispiele des Stummfilms nachzuverfolgen.

Der Workshop „Die Stimme(n) des Volkes? Literatur und Film im Spannungsverhältnis von Demokratie und Populismus“ soll einen Rahmen bieten für Vorträge, close readings und gemeinsame Diskussionen aktueller und kanonischer Texte, in deren Zentrum jeweils die Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Populismus und nach der Rolle von Literatur und Film in diesem Zusammenhang steht. Neben Fragen nach literarischen und filmischen Form- und Vermittlungsverfahren sowie nach dem gesellschaftlichen Ort ihrer Urheber schließt das auch die Reflexion der spezifischen medialen Praktiken demokratischer, politischer und aktivistischer Literatur- und Filmproduktion ein.

Für wen also sprechen Literatur und Film? Wie situieren sie sich im Spannungsverhältnis von Demokratie und Populismus? Wen und was repräsentieren sie und wie haben sie damit Anteil an der Formierung von sozialen, nationalen oder identitären Gemeinschaften? Für welche konkreten Anderen spricht derjenige, der mit der Stimme des Volkes zu sprechen beansprucht? Wodurch werden Literatur und Film zum Organ der Kritik und wo lassen sie sich möglicherweise für agitatorische Zwecke ge- und missbrauchen?


TAGESABLAUF

Donnerstag, 12.10.17
UC BERKELEY, DWINELLE HALL, ROOM 370

10.00
Chenxi Tang (Berkeley): Reading: Hölderlin, Stimme des Volks

11.45
Jonas Teupert (UC Berkeley): „Atemzug der deutschen Freiheit.”
Germania’s Voices in Kleist’s Nationalist Newspaper Projects

14.00
Saein Park (UC Santa Cruz): Bilder des Volkes:
Heinrich Heine’s Literary Critique of the Ideas of Volk and Volksgeschichte

14.45
Marius Reisener (HU Berlin): In the Name of the Brother:
Rhetorics of Masculinity and Fraternity in the 2016 US Election

16.00
Deniz Göktürk (UC Berkeley): Reading: Kafka, Beim Bau der Chinesischen Mauer and Tadhg O’Sullivan The Great Wall

19.15 Poetry Reading with Geoffrey O’Brien und Rusty Morrison, University Press Books (2430 Bancroft Way)

 

FREITAG, 13.10.17
UC BERKELEY, DWINELLE HALL, ROOM 370

10.00
Niklaus Largier (UC Berkeley): Reading: Siegfried Kracauer, Die Angestellten. Aus dem neusten Deutschland

11.45
Aurelia Cojocaru (UC Berkeley): Poetry and the Crises of Ideology in the 1970s

14.00
Sören Brandes (Max Planck Institute for Human Development, Berlin): The State, the Market, the People. Neoliberal Populism in the TV Series Free to Choose and Yes Minister

14.45
Kumars Salehi (UC Berkeley): Montage as protest and pedagogy in Kluge’s The Patriot

16.00
!! DWINELLE HALL, ROOM 282 !!
Anatol Heller (HU Berlin):„Contract with the people“: on a peculiar populist strategy

16.45
Burkhardt Wolf (HU Berlin): The common sense of populism

Veranstaltungsort:

 

UC Berkeley