Materielle Praktiken
der Literatur

Die Summer School 2015 des Thematischen Netzwerks „Literatur – Wissen – Medien“ und des PhD-Netzwerks „Das Wissen der Literatur“

 

Organisation:

Dorothea Walzer


EINLEITUNG


Die Frage nach der Materialität literarischer Produktionen ist seit geraumer Zeit zum Gegenstand einer umfangreichen und expandierenden Forschung geworden. Textgenesen und das Handwerk des Schreibens, Techniken der Überlieferung und der Distribution, Kommunikationsweisen und Medien unterschiedlicher Art werden dabei als Verfahren und Agenturen begriffen, welche die Ausprägung literarischer Genres und Schreibweisen, die Sinnkonstitution von Texten und den Status des Literarischen überhaupt unmittelbar bestimmen.

Den sachlichen, historischen und methodischen Dimensionen von materiellen Praktiken der Literatur ist die Summer School 2015 des thematischen Netzwerks „Literatur – Wissen – Medien“ gewidmet. Mit den Arbeitsschwerpunkten Medien der Literatur, Schreiben, Praxeologie und Archive wird es einerseits um die medialen, materialen und kulturtechnischen Bedingungen des Schreibens sowie um die poetischen Verfahren der literarischen Wissensproduktion gehen. Andererseits stehen philologische, editorische und archivarische Praktiken der Tradierung zur Diskussion, welche das literarische Feld ordnen, dessen Grenzen
bestimmen und darüber entscheiden, was im Feld der Literatur sichtbar und sagbar ist, was in ihm erinnert werden kann oder vergessen wird.


TAGESABLAUF

 17. Juli 2015
Medien der Literatur

Mit dem Schwerpunkt wird nach den Medien der Literatur, aber auch nach Medien in der Literatur gefragt. Es wird also nicht nur darum gehen, welche medialen Voraussetzungen – etwa Schrift und Druck, Brief und postalischer Verkehr – die Entstehung und den Wandel literarischer Kulturen ermöglichten. Mit der Thematisierung unterschiedlicher Medien in der Literatur lassen sich auch Aspekte dessen erkennen, wie Literatur ihre eigene Funktion, ihr ästhetisches Selbstverständnis und ihr kommunikatives Vermögen abgrenzt und reflektiert.

 


10:00 – 10:15

Welcome and introduction by Joseph Vogl (HU-Berlin) and Dorothea Walzer (HU- Berlin)


10:30-13:00

Reading with Joseph Vogl (HU-Berlin) and Karin Krauthausen (HU-Berlin)


Peter Gilgen (Cornell): Die Literatur im Zeitalter der Massenmedien: Form, Medium, System (research report)


14:30-16:00

Paul Fleming (Cornell): Pens, Tongues, Words: The Media of Mistakes (Freud) (research report)

20. Juli 2015
Praxeologie

In einem zweiten Schwerpunkt zu Praxeologie stehen philologische Praktiken zur Diskussion, die als Ausdruck eines Anwendungswissens oder ,know how‘ zu interpretieren sind. Im Gegensatz zu einem Regelwissen ist ein solches Praxiswissen durch die unbewussten Routinen des Umgangs mit Literatur, durch seinen habitualisierten, verinnerlichten und handwerklichen Charakter bestimmt. Besonderes Interesse gilt dabei einerseits den Praktiken des Textumgangs, der Begriffsbildung, der Problem- oder Themenfindung, der Objektivierung, Validierung oder Darstellung von Geltungsansprüchen, die das disziplinäre Feld der Literaturwissenschaft ordnen, regeln und von anderen Bereichen der Wissensproduktion unterscheiden. Andererseits drängt sich damit die Frage nach dem Erwerb praktischer Fähigkeiten und nach der Bedeutung auf, die Beobachtung und Imitation bei deren Einübung zukommt.

 

10:00-13:00 

Reading with Steffen Martus (HU-Berlin) and Pál Kelemen (HU-Berlin)

Carlos Spoerhase (HU-Berlin)/Kaspar Renner (HU-Berlin): Nachlassen als Praxisform. Literatur, Archiv, Philologie (research report)

14:30-16:00 

Thomas Wiemer (DFG, Bonn): Wie sich eine scientific community organisiert. Beobachtungen aus der Binnenperspektive einer Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft (research report)

17:00-18:00

Nikolaus Wegmann (Princeton): Mediengebrauch: Ein Grundbegriff der Philologie?

21. July 2015
Schreiben

Im Schwerpunkt Schreiben soll es um Kulturtechniken und Verfahren gehen, die den Schreibprozess organisieren: angefangen von Manualen und privaten Exerzitien, die bei der Stimulation von Einfällen helfen, über die Zettelwirtschaft der Ideenverwaltung bis hin zur Performanz von Schreibakten, also der Mitwirkung konkreter Utensilien – Griffel, Schere, Papier usf. – bei der allmählichen Verfertigung von Gedanken und Texten. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf dem Schreiben in kleinen Formen liegen, auf der Untersuchung der materialen, (zeit-)ökonomischen und situativen Bedingungen, die zu formaler Beschränkung zwingen und sich in extremer Formstrenge genauso ausprägen können wie im Formverzicht.

 

10:00-13:00 

Reading with Ethel Matala de Mazza (HU-Berlin)

Patrizia McBride (Harvard): Embodied Writing: Constructivism and Literary Activism in Benjamin’s Einbahnstraße (research report)

14:30-16:00 

Lothar Müller (Berlin): Die stilbildende Kraft von Raum und Zeit. Über das Schreiben in vordefinierten Formaten (research report)

17:00-18:00 

Andrea Krauß (Hopkins): Schriftkörper. Materialität in Jean Pauls Leben Fibels

22. Juli 2015
Archive

Ein vierter Schwerpunkt ist mit den Dispositiven des Sammelns, Speicherns und Tradierens, aber auch des Aussortierens, Wegwerfens, Entwertens befasst, wie sie insbesondere im langen 19. Jahrhundert, aber auch in der digitalen Gegenwart mit ihren neuen Speicherkapazitäten und Verlustdrohungen virulent sind und in der Literatur diskutiert werden. Mit der Frage nach dem, was als museumsreif, sammlungswert, inventarisierbar und archivierbar gilt, rückt die Problematik des kulturellen Erbes, der Speichermedien und Sammlungsordnungen (in Museum, Bibliothek, Archiv, aber auch in Sammelsurien, Alben, Zettelkästen), der Materialitäten und der Gedächtnisfunktionen in den Blick.

10:00-13:00 

Reading with Ulrike Vedder (HU-Berlin) and Burkhardt Wolf (HU-Berlin)

Judith Ryan (Harvard): Tiefseefischen im Archiv:  Über Durs Grünbeins Vorlaß in Marbach, mit einigen Gedanken zu seinem Gedicht ‚Remora‘ (research report)

14:30-16:00 

Nicolas Pethes (Universität Köln): Archivfiktionen: Zählen und Erzählen in der Literatur des 19. Jahrhunderts (research report)

17:00-18:00 

Stefan Willer (ZfL): Familienerbe und Literaturarchiv: Nietzsches Sterben und Nachleben im Archiv seiner Schwester

Veranstaltungsort:

 

Humboldt Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät II
Institut für deutsche Literatur

 

Dorotheenstraße 24
10099 Berlin

Rückblick


Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern der Sommerschule.

Fotos zur Veranstaltung:

FotografIn: Dorothea Walzer