Transversale Transformationen. Geistes- und kulturwissenschaftliche Expertisen zur Tiefendynamik des Technologischen

Transversale Transformationen. Geistes- und kulturwissenschaftliche Expertisen zur Tiefendynamik des Technologischen

Workshop für Nachwuchswissenschaftler_innen an der Humboldt-Universität zu Berlin, 26./27. April 2018


Im Alltag kommunizieren wir durch und mit digitalen Maschinen. Algorithmen begleiten uns bei unseren Online-Einkäufen, in sozialen Netzwerken oder Dating-Apps. Aus gesammelten Daten erahnen sie unser Begehren, schlagen uns Produkte, Partner*innen und politische Meinungen vor. Währenddessen entschlüsseln digitale Maschinen in den Bio-, Neuro- und Nanowissenschaften die Tiefenstrukturen des Materiellen und ermöglichen das Design und die Fabrikation hybrider Strukturen und Lebensformen. Die wissenschafts- und medienhistorische Forschung datiert mit der Hochzeit der Kybernetik in den 1950er bis 1970er Jahren die Durchsetzung eines Wirklichkeitsverständnisses, einer Erkenntnis- und Imaginationsweise, ja einer Lebensform (vgl. Hagner/Hörl 2008:7), die bis heute nachwirken und sich in einer Antizipation und Kontrolle des Möglichen ausdrücken. In den Geistes- und Kulturwissenschaften hat sich mittlerweile eine Vielzahl von Deutungsversuchen etabliert, um die aktuellen Ausprägungen dieser Prozesse zu durchleuchten. Zu nennen sind hier beispielsweise neuartige Vorstellungen von Ökologie, die auch Medien und Affekte umfassen (Durham Peters, Morton, Fuller, Angerer), hybride Netzwerke und Existenzweisen (Latour) sowie neuere feministische Beiträge zu Materialismus und Posthumanismus (Barad, Parisi, Braidotti).

 

Der Workshop begreift die gegenwärtige Technologisierung als transversale Transformationen: Sie betrifft Alltag, Politik, Wissen, Natur, Kultur, Kunst und Technik, sowie deren Beschreibungs-, Reflexions- und Kritikmodi. Die öffentliche Debatte um Digitalisierung wird von Politik und Wirtschaft bestimmt. Unser Ziel ist es, geistes- und kulturwissenschaftliche Perspektiven zusammenzubringen und Expertisen des Technologischen zu diskutieren, die sich nicht den Visionen der ‘Tech’-Branche unterordnen.

 

Folgende Fragen und Schwerpunkte sind für den Workshop von Interesse:

  1. Was sind die Vorzüge, aber auch die blinden Flecke aktueller theoretischer Zugriffe? Mit welchen Begrifflichkeiten, Konzepten und Theorien lässt sich die epistemologische Kondition des technischen Zeitalters denken?
  2. Wie und auf welche Art und Weise müssen die technologischen Transformationen historisiert werden?
  3. Wenn im Zuge der technischen Transformation verstärkt asignifikante Zeichenregime und Semiotiken (Guattari) an Bedeutung gewinnen, die Sprache als symbolische Ordnung zu implodieren und das Humane porös zu werden droht, inwiefern muss die Frage der Repräsentation anders gestellt bzw. deren Jenseits in den Blick genommen werden?
  4. Welche neuen Subjektivierungsweisen und Psychopolitiken bedingen und ermöglichen die Technologien? Bedarf es neuer Kritikformen für eine Politisierung des Technischen?

 

Im Workshop sollen nicht nur die verschiedenen theoretischen Bezüge, sondern ausdrücklich immer auch konkrete Gegenstände aus medientechnischer, kultur- oder literaturwissenschaftlicher Perspektive im Mittelpunkt stehen und exemplarisch untersucht werden.


TAGESABLAUF

Donnerstag 26.04.2018

14:15 – 14:45 Begrüßung

14:45 – 16:15 Aufzeichnungsmedien

Benjamin Lindquist (Princeton) – Theorizing Synthetic Speech

Oliver Völker (Frankfurt/Main) – Witterung aufnehmen: Klimaerwärmung und technische Medien

16:15 – 16:30 Pause

16:30 – 17:30 Reading

18:00 – 19:30 Keynote: Erich Hörl (Lüneburg): Kritik der Environmentalität

Freitag 27.04.2018

10:00 – 11:30 MedienSubjektivierungen

Stephan Strunz (Berlin) – Protokybernetik des Lebenslaufs: Skizze zu einer Genealogie der datenbasierten Lebensverarbeitung (1770-1850)

Kai Löser (Bielefeld) – Idiot und Gesellschaft. Skizze zum Idioten als kybernetischer Widerstandsfigur

11:30 – 11:45 Pause

11:45 – 13:15 Ökologische Medien

Naomie Gramlich (Potsdam) – Die dritte Natur und die Medientechnologien

Lisa Krall (Köln) – Verschränkungen, Intra-aktionen und unendliche Dynamiken in der Umweltepigenetik. Möglichkeiten eines diffractive reading biomedizinischer Studien.

13:15 – 14:45 Mittagspause

14:45 – 16:15 Maschinischer Kapitalismus und Kritik

Jakob Claus (Berlin) – Double bind und Subjektivierungsmaschinen

Holger Kuhn (Lüneburg) – „The Common Sense“. Maschinische Verschuldung bei Melanie Gilligan

16:15 – 16:30 Pause

16:30 – 17:15 Abschlussdiskussion und Ende des Workshops

Veranstaltungsort:

 

Humboldt-Universität zu Berlin

Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin

Raum 3.246